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Brainstorming, Poster Session I, Fun-Night

Gestern ist wieder eine Menge passiert. Morgens war ich bei der Brainstorming Session von Ellen Tise, der designierten Nachfolgerin von Claudia Lux – nennt sich President-Elect. Es ging darum, das Presidential Theme von Ellen Tise zu diskutieren, um ihr weitere Ideen für ihre Präsidentschaftszeit mit auf den Weg zu geben. Ihr Thema lautet “Libraries Driving Access to Knowledge”.

Brainsorming Session

Brainstorming Session

Die Veranstaltung fand im gleichen Raum statt wie die Global Literacy and Reading Fair, wir saßen also wieder an mehreren Tischen und konnten so in kleinen Gruppen zusammenarbeiten. Nach einer Einführung von Ellen Tise in ihr Thema hatten allerdings zunächst Mitglieder der verschiedenen Sections die Möglichkeit, sich aus ihrer inhaltlichen Sicht zu dem Präsidentschafts-Thema zu äußern. Interessanterweise bezogen sich dabei viele auf das “Driving” im Thema und wiesen immer wieder darauf hin, dass sie darin die Bibliothek in einer Führungsrolle und vor Allem aktiv agierend sehen.

Brainstorming Session

Brainstorming Session

Danach ging es daran, an den einzelnen Tischen zwei Thesen zu entwerfen, wie die IFLA bzw. Bibliotheken denn dieses Thema erfüllen können, also “Driving Access to Knowledge”. Wir haben in meiner Gruppe eigentlich eher nochmal ein kleines Brainstorming für uns durchgeführt, als zwei Thesen zu formulieren. Dabei ging es u.a. um die Bibliothek als sozialer Ort, der Leute aus verschienen Gesellschaftsschichten zusammenführt, und um Netzwerkbildung mit Institutionen aus dem lokalen Umfeld. Die Session dauerte noch viel länger, ich musste allerdings weiter zur Poster Session.

Bridges for Babylon

Bridges for Babylon

Die Poster Session hat mir viel Spaß gemacht. Das Gelände, auf dem die Poster ausgestellt sind, befindet sich teilweise innerhalb der Exhibition Hall, teilweise auf den Gängen davor. Dadurch kommen wirklich viele Leute vorbei. Unser Poster stellt die Ergebnisse des aktuellen Buchprojektes am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft vor. Es geht in “Brücken für Babylon” grob gesagt um interkulturelle Bibliotheksarbeit und Wege, wie vor Allem Öffentliche Bibliotheken diese erfolgreich umsetzen können. Ich hatte eine Menge interessanter Unterhaltungen mit überwiegend positivem Feedback, insofern bin ich sehr zufrieden mit der Poster Session. Heute geht es in die zweite Runde.

Fun-Night

Fun-Night

Der Tag klang dann noch mit einer Cocktail-Reception und anschließender Fun-Night aus (was für ein Titel…). Dabei haben die anwesenden Bibliothekare ihrem Ruf als Partylöwen mal wieder alle Ehre gemacht. 😉

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evening reception

Eben komme ich vom Empfang des Deutschen Konsulats und des Goethe-Instituts Montréal für die deutschsprachigen Teilnehmer der IFLA. Die Veranstaltung war wirklich gelungen: Schickes Ambiente (Musée de la civilisation de Québec, Eintritt in Ausstellung inklusive), live-Musik und gute Verpflegung – auf jeden Fall eine gute Atmosphäre, um ins Gepräch zu kommen. Lustigerweise habe ich mich über weite Strecken des Abends mit zwei Leuten aus der New York Public Library unterhalten (dort mache ich im nächsten Frühjahr ein Praktikum, insofern hat das sehr gut gepasst), die über eine Kollegin des New Yorker Goethe-Institutes zum Empfang gekommen waren.

The Global Literacy and Reading Fair

Heute vormittag habe ich meine erste Session besucht, die folgenden Titel trug:

Literacy and Reading in co-operation with the Public Libraries and Library Services to Multicultural Populations: The Global Literacy and Reading Fair: sharing good library practices in the support of the United Nations Literacy Decade 2003-2012″

Normalerweise laufen Sessions ja dermaßen ab, dass die Speaker ihre Vorträge (evtl. auf einer kleinen Bühne) halten und das Publikum im Anschluss seine Fragen stellen kann – wie man es auch von anderen Konferenzen kennt. Bei dieser Veranstaltung war jedoch einiges anders: Überall im Raum standen Tische mit Stühlen. An jedem dieser Tische präsentierte sich eines von vielen Projekten. Im Laufe der Session hatten die Besucher mehrere Male die Möglichkeit, eben wie bei einer Messe oder Firmenausstellung durch den Raum zu wandern, sich über die verschiedenen Projekte zu informieren und mit den anwesenden Projektmitarbeitern ins Gespräch zu kommen. Dazwischen wurden immer wieder Blöcke eingeschoben, in denen sich einzelne Projekte vorne auf der Bühne den Anwesenden in Kurzvorträgen präsentieren durften.

Literacy and Reading Fair

Literacy and Reading Fair

Dieses interaktive Konzept einer Session ist bei allen Teilnehmern hervorragend angekommen, mir persönlich hat es auch sehr gut gefallen. Ich habe innerhalb der gut vier Stunden sehr viele Projekte und die Menschen dahinter kennengelernt, u.a. einen norwegischen Bibliothekar, der als “the locker room librarian” Jugendlichen in norwegischen Fußballklubs Bücher näherbringt, eine Bibliothekarin aus Hongkong, die mir einiges über Leseförderungsprojekte und -kampagnen in China erzählt hat oder ein Bibliotheksprojekt in Ghana, aus dessen Erfolgen resultierend u.a. eine Reihe von Kinderbüchern zur Lese- und Sprachförderung entstanden ist.

My Yellow Book

My Yellow Book

In ihrem Schlusswort wies die Moderatorin noch einmal darauf hin, welche enorme Rolle Bibliotheken bei der Vermittlung von Lesekompetenz spielen. Außerdem ergänzte sie, dass man noch lange nicht am Ziel angekommen sei, sondern dass Bibliothek noch viel zu tun hätten. Dies sei aber umso besser zu verkraften, als die Arbeit in diesem Bereich viel Spaß macht. – Das hat man heute gemerkt.

IFLA, erste Eindrücke

Seitdem die IFLA für mich vorgestern so richtig gestartet hat, sind die Tage lang und voll. Daher komme ich kaum noch ins Internet. Bevor ich aber gar nichts schreibe, will ich wenigstens ein paar Eindrücke notizenhaft hier lassen. 🙂

Der gestrige Tag war ein super Einstieg für mich, weil ich einen guten Einblick in die Arbeit verschiedener Sections bekommen habe. Nacheinander war ich bei den Standing Committees der Sections “Reference and Information Services”, “Education and Training” und “Library Services to Multicultural Populations” mit ein paar anderen Leuten als observer zu Gast. Generell herrschte eine sehr angenehme, fast familiäre  Arbeitsatmosphäre. Trotzdem war es interessant zu beobachten, wie unterschiedlich die Arbeitsweisen und Strukturen schon in diesen drei Sections war (hat zum Beispel auch viel mit der Sprachzusammensetzung der Mitglieder und dem daraus resultierenden Sprachfluss zu tun). Weitere Eindrücke in Kurzform: Es gibt immer was zu tun in den Sections 🙂 ; man ist generell auf Mitgliedersuche (institutionell); Nachwuchs ist sehr willkommen; es gibt scheinbar einen starken Austausch zwischen einzelnen Sektionen; es ist einfach toll zu sehen, wie hier auf internationaler Ebene aus total unterschiedlichen Ländern miteinander zusammengearbeitet wird – gefällt mir sehr!

Sehr interessant fand ich auch das sogenannte Caucus Meeting für die deutschsprachigen Konferenzteilnehmer. Sinn und Zweck dieser Treffen ist es, Leute einer Sprache zusammenzuführen und ihnen damit gesondert die Möglichkeit zu geben, sich in ihrer Community über die Konferenz auszutauschen und auch schlicht und einfach zu sehen, wer alles aus einem Land (innerhalb eines Sprachraumes) angereist ist. So war es denn auch mit den deutschsprachigen Teilnehmern. Sehr sinnvoll war eine Runde durch den Raum, bei der jeder Anwesende die Möglichkeit hatte, über erste besuchte Sessions zu berichten oder auf ausstehende Termine und Veranstaltungen aufmerksam zu machen. Also quasi eine Art live-Newsletter. 😉 Auf dieser IFLA sind die deutschen Teilnehmer übrigens stark vertreten.

wunderschöner Ausblick aus dem Kongresszentrum

wunderschöner Ausblick aus dem Kongresszentrum

Soviel zum ersten Tag. Heute ging es dann an die feierliche Eröffnung, die allerdings etwas enttäuschte.  Zwar waren einige sehr gute Reden dabei (zum Beispiel von Frau Lux), aber vor allem einige der kulturellen Beiträge wirkten nicht sehr authentisch, sondern eher künstlich. Auch die Verleihung einer Ehrendoktorwürde hatte unserer Meinung nach nicht viel in dem Programm zu suchen. Dafür durften wir viel Französisch hören, was mir persönlich gut gefallen hat, weil ich die Sprache ein bisschen beherrsche und sie sehr gerne höre – auch wenn ich bei einigen Beiträgen fast nichts verstanden habe. 🙂 Damit noch zu einem anderen kleinen Kritikpunkt: Die Kopfhörer für die Simultanübersetzung konnte man nur kriegen, wenn man SEHR früh vor Ort war – danach bildete sich ein dermaßen großer Stau, dass viele Leute für die Opening Session leer ausgegangen sind.

Im weiteren Verlauf des Tages haben wir unsere drei HU-Poster auf dem Gelände der Poster Session aufgehängt, es gab noch die offizielle Eröffnung der Ausstellung (Getränke und haute cuisine in Häppchenform inklusive 🙂 ) und mit der Newcomer Session eine sehr interessante Veranstaltung. Der Name sagt es schon, sie ist vor allem für Leute gedacht, die zum ersten Mal bei einer IFLA-Konferenz dabei sind. In angenehm kurzen Vorträgen bekamen wir von einer Einführung über die Struktur der IFLA über persönliche Erfahrungen aus der Sektionsarbeit bis hin zu Infos über die New Professionals Discussion Group eine bunte Mischung geboten. Tenor der Veranstaltung und Appell an die Newcomer: 1. Sprecht die Leute an, wir brauchen Nachwuchs. 2. Man profitiert ungemein von Networking und Horizonterweiterung (durch Austausch) auf Tagungen wie der IFLA.

Zum Abschluss des Tages wurde ein kleiner Kreis geschlossen… leider… denn der “Cultural Evening” knüpfte ohne Umschweife an die oben erwähnten Zwischenbeiträge aus der Opening Ceremony an. Nach einem ewig langen, mit “Conquest of Paradise” in Dauerschleife unterlegten Film, der sämtliche Klischees eines Tourismuswerbespots einlöste, und den ersten darauffolgenden Beiträgen sind wir dann kurzentschlossen gegangen, um noch ein bisschen was von dem mittlerweile wieder sehr schönen Wetter mitzukriegen. ^^

Jetzt habe ich doch ne ganze Menge geschrieben und sicherlich auch noch einiges vergessen. Fazit der ersten beiden Tage für mich ist:

  • Ich habe bereits viele Leute kennengelernt bzw am zweiten Tag wiedergetroffen.
  • Meine Erwartungen an eine “lockere” Atmosphäre (vor allem in den sections) haben sich voll erfüllt.
  • Man stößt eigentlich immer auf offene Arme und interessierte Menschen; Nachwuchs ist gefragt.
  • Ich freue mich schon sehr auf die weiteren Sessions, social events usw.!

Wünsche für die nächsten Tage:

  • Bitte dreht mal die Klimaanlage runter, damit wir nicht alle immer so frieren! 🙂
  • Essen und Trinken zwischendurch, wie wir es heute schon zum Teil hatten

Und zum Abschluss noch ein Bild, was ganz gut die Atmosphäre in der Québecer Altstadt an einem lauen Sommerabend wiedergibt…

Straßenkünstler vor dem Château Frontenac

Straßenkünstler vor dem Château Frontenac

Straßenverkehr II: Das Ampelsystem

Heute will ich mich mal dem Québecer Ampelsystem widmen, das ich nach mittlerweile fast einer Woche immer noch nicht ganz verstanden habe… ^^ Prinzipiell gibt es für Autos dieselben Zeichen, wie wir sie auch aus Deutschland kennen, also drei Leuchten (horizontal oder vertikal gegliedert) mit den Farben grün, gelb und rot. Die Ampeln für die Autofahrer stehen aber hier generell hinter der zu überquerenden Straße. Da kommt man ja noch ohne Probleme mit. Komisch wird es erst bei den Fußgängern: Die müssen bei folgendem Zeichen stehenbleiben…

Halt!

Halt!

Wenn die Straße für die Passanten freigegeben wird, blinkt ein grünes, gehendes Männchen auf. Da freut man sich, das ist eindeutig. 😉 Mit dem Männchen noch ein Countdown, der dem Fußgänger anzeigt, wieviele Sekunden ihm noch bleiben, um die Straße zu überqueren…

Gehen!

Gehen!

Und jetzt das Zusammenspiel dieser Bestandteile. Nehmen wir eine normale Kreuzung. Erst dürfen die Autos auf der einen Straße beidseitig fahren, während alle anderen Autofahrer und Fußgänger warten müssen. Als nächsten bekommen die Autofahrer auf der kreuzenden Straße grün. In einer dritten Phase sind die Fußgänger dran, die nun sämtliche vier Übergänge der Kreuzung mit ihren abtickenden Sekundenanzeigen passieren dürfen. Das System mag ja ganz nett klingen und man ist auch wirklich angetan von dem Countdown als Abwechslung zu sonst. Aber es entstehen daraus einige Probleme:

  1. Wenn die Zeit für die Fußgänger abgelaufen, also bei null angekommen ist, schalten die Ampeln sofort auf grün für die Autofahrer um. Man hat also zu Fuß realistischerweise nicht die Möglichkeit, noch bei “zwei” oder so loszugehen, ohne mit Autos von der Seite rechnen zu müssen. Québecer, die das System schon jahrelang benutzen, wissen wahrscheinlich mittlerweile damit umzugehen und die verbleibenden Sekunden richtig einzuschätzen. Aber ahnungslose Touristen überschätzen sich dabei meistens (zehn Meter bis zur Straße und noch 5 Sekunden auf der Anzeige… “Komm, das schaffen wir noch!” *loswetz* 😉 ).
  2. Wenn alle Fußgängerampeln an einer Kreuzung gleichzeitig auf grün schalten und man nicht nur eine, sondern zwei Straßen überqueren möchte, neigt man dazu gleich den direkten Weg diagonal über die Kreuzung zu nehmen.
  3. Das System ist (jedenfalls für mich noch) nicht richtig eindeutig: Es gibt nicht nur Kreuzungen mit der beschriebenen Phasenabfolge, sondern auch noch den Fall, dass nur jeweils zwei Fußgängerübergänge gleichzeitig freigegeben werden – und zwar komischerweise nicht unbedingt die gegenüberliegenden. ^^ Darüberhinaus gibt es auch noch die Variante, das man als Fußgänger ewig an der Ampel steht und auf seinen Countdown wartet, während die Autofahrer munter zwischen ihren Phasen hin- und herwechseln. Bis man dann irgendwann den völlig unscheinbaren Knopf für Fußgänger an einem der Ampelmasten bemerkt, den man hätte drücken müssen, damit das grün-Zeichen kommt. Das hat zur Folge, dass die Fußgänger in Québec eigentlich immer über die Straße gehen, solange sie dabei nur kein Auto umfährt. 😉

le grand spectacle

Gestern habe ich mich spontan zum Alten Hafen aufgemacht, um mir die “Moulin à image”, eine riesige Projektion über die 400-jährige Geschichte Québecs, anzugucken, die dort jeden Abend gegen 22 Uhr gezeigt wird. Außer mir waren – trotz des Regens – noch an die tausend (oder noch mehr^^) weitere Schaulustige gekommen. Die Show war extrem beeindruckend und sehr gut gemacht; dazu auch eine Passage aus dem Tagesspiegel, die die Atmosphäre gut rüberbringt:

“Was Abend für Abend unterhalb dieser Kulisse am Hafen stattfindet, ist jedoch alles andere als ein rückwärtsgewandtes Historienspiel. Sobald die Sonne verschwunden ist, dröhnen Maschinengeräusche über das Wasser, der Boden vibriert, gigantische Videoinstallationen und Maschinen erwecken die alten Kornspeicher gegenüber der Hafenpromenade zum Leben. Es folgt ein vierzigminütiger Parforceritt durch die Menschheitsgeschichte und die Entwicklung Québecs, geschaffen vom Regisseur Robert Lepage, hier geboren und einer der bekanntesten Künstler seines Landes. 600 Meter breit und 30 Meter hoch ist die aus Kornspeichern bestehende Leinwand, auf die er seine Multimedia- Collage projiziert, malerisch reflektiert im alten Hafenbecken, hin und wieder von einem vorbeiziehenden Boot unterbrochen.”

Die Projektion ist wirklich unglaublich kreativ und nutzt den Konrspeicher voll aus. Die bestrahlte Gebäudewand besteht aus drei längeren Abschnitten und einer Art Turm, auf dessen Dach zum Beispiel eine Wasserfontäne losgeht, wenn im Film ein Wal vorbeischwimmt, oder ein Feuer entzündet wird, wenn es um Aufstände und Krieg geht. Auch die einzelnen Silos der flachen Abschnitte kommen nicht zu kurz: Sie dienen je nach Situation als Orgelpfeifen, Zigaretten, Buchrücken, Reagenzgläser, Walzen usw. Am Ende geht man gut gelaunt und mit ordentlich durchgepusteten Ohren nach Hause, denn die vielen über das Hafengelände verstreuten Lautsprecher machen sich echt gut als Mega-Surroundanlage und geben dem ganzen mit viel Musik und lustigen Effekten den letzten Kick. Da es fast andauernd genieselt hat, konnte ich keine Fotos von der Projektion machen. Ihr könnt aber in den oben zitierten Artikel schauen, da ist eine Szene festgehalten. Ich kann euch nur ein Foto von der wartenden und in Regenjacken und -schirme eingepackten Masse bieten. 😉 Es herrschte übrigens ne sehr gemütliche und angenehme Stimmung unter den Zuschauern; ich will in den nächsten Tagen auf jeden Fall versuchen, es mir nochmal anzugucken.

Warten auf die "Moulin à imagine"

Warten auf die "Moulin à imagine"

Bibliothèque Pierre-Georges-Roy – Die Bibliothek in der Kirche

Das für mich interessanteste Erlebnis von meinem Ausflug nach Lévis vor zwei Tagen war ohne Zweifel der Abstecher in die Bibliothek Pierre-Georges-Roy.

Bibliothèque Pierre-Georges-Roy

Bibliothèque Pierre-Georges-Roy

Ich war nur zufällig auf Schilder zur Bibliothek gestoßen und bin dann ganz spontan in die Richtung gelaufen (der Durchschnittstourist interessiert sich ja für Bibliotheken normalerweise nicht, deswegen sind sie auch in keinem Reiseführer erwähnt ^^ – das sollte man in diesem Fall aber sofort ändern!). Wenn man sich der Bibliothek nähert und vor ihrer Fassade steht, fragt man sich zuerst, was da jetzt eigentlich los ist.

Fassade

Fassade

“Okay, die Bibliothek scheint also in einer Kirche untergebracht zu sein.” denkt man sich dann. Das wäre zwar schon ziemlich unüblich, aber noch nichts, was einen richtig vom Hocker haut. Aber sobald man das Gebäude betritt, ist man nur noch sprachlos vor Staunen…

Wow, was für eine Kombination! Die Bibliothek ist in eine komplette Kirche integriert – mit Altarbereich, Kanzel und Verzierungen; sogar eine Orgel ist dabei. Nachdem ich mir den faszinierenden Raum angeguckt und viele Fotos gemacht hatte, bin ich etwas länger und sehr nett mit der zuständigen Auskunftsbibliothekarin, Marie-Josée Bégin, ins Gespräch gekommen. Sie erzählte mir u.a., wie es zu dieser interessanten Kombination gekommen ist – es war eine eher pragmatische Entscheidung: Vor dreizehn Jahren suchte man für die Bibliothek ein neues Gebäude. Direkt neben dem Collège (das von der Bibliothek mitversorgt wird) stand schon eine alte Kirche, die man aber nicht mehr nutzte. Aufgrund der günstigen Lage entschied die Stadt sich dazu, das Gebäude komplett zu sanieren und für eine Bibliothek nutzbar zu machen. Dabei ließ man aber, wie schon erwähnt, sämtliche Teile der Kirche intakt, sodass 1995 als Ergebnis diese beeindruckende Bibliothek entstand.

Marie und ihre anderen Kollegen sind inzwischen logischerweise etwas “abgehärtet”, was Schönheit und Atmosphäre ihres Arbeitsplatzes angeht, und sehen eigentlich nur noch die Bücher und andere Medien, mit denen sie alltäglich zu tun haben. Dafür freuen sie sich immer, wenn ab und zu mal jemand neues vorbeikommt, der die Bibliothek zum ersten Mal sieht und große Augen macht. 🙂

die Kinderecke

die Kinderecke

Auf die Frage, ob es wegen dieser besonderen Bedingungen nicht auch Einschränkungen in ihrer bibliothekarischen Arbeit gibt, sagte Marie, dass sie bislang sehr gut damit fahren – Im Zuge der Sanierungsarbeiten wurden wesentliche Vorkehrungen getroffen (Kabel verlegen, Heizungen einbauen und die Struktur des Raumes an die Erfordernisse einer Bibliothek anpassen). Nur falls die Kapazität der Bibliothek einmal erschöpft sein sollte, kann man eben nicht einfach Wände einreißen und einen Anbau an das Gebäude hängen.

nouveautés

nouveautés

Abseits der Bibliothek sind wir u.a. auch auf Sprachen und Klischees gekommen. Ich dachte ursprünglich, dass Franzosen eher skeptisch bis ablehnend gegenüber den Kanadiern und ihrem amerikanisch eingefärbten Französisch eingestellt sind. Doch Marie erzählte, dass ganz im Gegenteil die meisten französischen Besucher dem Ganzen sehr viel abgewinnen könnten – sie würden den Akzent zum Beispiel als “very charming” empfinden. 🙂 Natürlich gibt es auch Klischees, die immer wieder auftreten. Eine beliebte Frage (vor allem von Parisern) gegenüber den Kanadiern sei wohl, wo sie denn ihre Wigwams hätten, in denen sie ja wohnten… ^^ Aber solche Klischees gibt es überall – ich musste da sofort an jene Amerikaner denken, die beim Stichwort “Germany” spontane Assoziationen in Richtung sauerkraut und nazi haben…

Bibliothèque Pierre-Georges-Roy

Bibliothèque Pierre-Georges-Roy

Ich bin nur froh, dass ich an diesem Tag zufälligerweise den Hinweisschildern zur Bibliothèque Pierre-Georges-Roy gefolgt bin. Denn sonst hätte ich ein wie ich finde einmaliges Bibliotheksgebäude und eine nette Unterhaltung mit vielen interessanten Infos verpasst. Bleibt nur zu hoffen, dass möglichst viele der IFLA-Besucher eine der Führungen dorthin gebucht haben. Es lohnt sich!

le dentiste

Darf ich vorstellen: Die Zahnarztpraxis im Bahnhof von Québec.

le dentiste

Ich weiß ja nicht, was ihr jetzt so denkt. Den Eingang zu nem Zahnarzt stelle ich mir eigentlich ein bisschen anders vor. Habe hier eher andere Assoziationen, von denen “Pub” noch die harmloseste ist. Originell ist es ja schon, das muss man denen lassen. Vielleicht steckt dahinter ja eine ganz ausgebuffte Marketingstrategie, um Touristen auf dem Weg vom Bahnhof in die Stadt abzugreifen… 😉

Montmorency Falls / la chute Montmorency

Heute war das Wetter ziemlich schlecht: Grauer Himmel und im Laufe des Tages hat es dann auch noch angefangen zu regnen… Trotzdem habe ich mich mittags mit dem Bus Richtung Norden aufgemacht. Ich wollte mir nämlich unbedingt noch die Montmoreny Falls angucken, bevor morgen Abend Annabel in Québec ankommt und übermorgen die IFLA beginnt. Das sind sie, die Montmorency Falls…

Montmorency Falls

Montmorency Falls

Das Wasser fällt hier 87 m in die Tiefe, was sogar noch mehr ist als bei den Niagara-Fällen. Um die Wasserfälle herum hat man diverse Möglichkeiten, sich das ganze ausgiebig anzuschauen. Ich bin heute wie gesagt mit dem Bus dorthin gefahren. Von der Haltestelle aus geht es durch einen kleinen Waldabschnitt zu einer Hängebrücke, die direkt an der Kante des Wasserfalls entlangführt.

Hängebrücke

Hängebrücke

Auf der einen Seite sind Holztreppen in den Hang gebaut worden, von denen man eine gute Sicht auf die Wasserfälle hat (neben dem Hauptfluss gibt es noch viele kleinere Fälle).

Holztreppen

Holztreppen

Allerdings wird man dort dem Wasser ziemlich ausgeliefert, da der aufkommende Wasserdunst voll auf die Treppen zieht. Man packt also besser ne Regenjacke ein – was die meisten Touristen aber vergessen, mich mit eingeschlossen. 🙂 Ist man unten angekommen und hat man die fotofreie Zone hinter sich gebracht, geht es zu Fuß einmal um die Bucht herum. Dabei hat man wieder nen sehr schönen Blick auf die Wasserfälle und kann auch gut sehen, wie die Treppen zugespühlt werden. ^^

Blick von unten

Blick von unten

Nur die Wenigsten werden Lust haben, die Treppen wieder hochzusteigen und dabei noch einmal zu duschen. Daher kauft man sich lieber ein Ticket für die Seilbahn, die die andere Seite des Hangs hochfährt.

Seilbahn

Seilbahn

Bevor man wieder zur Hängebrücke gelangt, hat man noch einmal die Möglichkeit, die Wasserfälle von mehreren Plattformen aus zu sehen und zu fotografieren. Diese Seite hat mir eigentlich am besten gefallen – nicht nur, weil da meine Digitalkamera nicht nass geworden ist. 🙂

Blick von der anderen Seite

Blick von der anderen Seite

Nachdem ich einmal fast komplett um die Wasserfälle herumgestiegen, -gelaufen und -gefahren war, taten mir die Beine inzwischen schon ein bisschen weh. Trotzdem bin ich spätestens an dieser Stelle nicht mehr von dem Wasser losgekommen. Es ist einfach unglaublich faszinierend, direkt neben solchen Wassermassen zu stehen und zuzusehen, wie diese in ganz unterschiedlichen Formationen den Hang runterstürzen. Fotos können das nur schwer vermitteln – vielleicht bekommt ihr ja wenigstens eine Idee davon, was ich meine…

Wasserdunst von oben

Wasserdunst von oben

Wasserfallkante von oben

Wasserfallkante von oben