Forum der New Professionals 2013: Aktive Verbandsarbeit als Chance für New Professionals

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Auch beim diesjährigen Bibliothekskongress in Leipzig fand wieder das Forum der New Professionals statt. Nach den Themen “New Professionals zwischen Studium, Referendariat und Berufseinstieg” in 2011 und “Innovationsförderung im Arbeitsalltag” in 2012 widmeten wir uns dieses Mal der aktiven Verbandsarbeit als Chance für New Professionals.

Vor diesem Hintergrund war es das Ziel des Forums zu diskutieren, welche Chancen sich speziell für New Professionals aus der aktiven Verbandsarbeit ergeben, und gleichzeitig auszuloten, wo mögliche Probleme bzw. Hemmnisse liegen, sich in diesen Organisationen zu engagieren. An dem zweistündigen Workshop nahmen insgesamt 15 Personen teil, darunter größtenteils New Professionals. Unsere Motivation für dieses Thema ergab sich aus der Beobachtung heraus, dass der Anteil von Berufseinsteigern in der aktiven Verbandsarbeit im deutschsprachigen Raum in der Regel sehr gering ausfällt. Dabei sind die mit nur wenigen Planstellen ausgestatteten Bibliotheksverbände sehr stark auf das ehrenamtliche Engagement ihrer Mitglieder auf nationaler wie auch auf regionaler Ebene angewiesen, um Öffentlichkeits- und Programmarbeit nach Außen zu betreiben und den Berufsstand durch Fortbildungen und das Erarbeiten beruflicher Standards zu unterstützen. 

Teilnehmer

Teilnehmer Forum 2013

Impulsreferate

Als Einstimmung auf das Thema eröffneten wir die Session mit zwei Praxisberichten aus der Verbandsarbeit, und zwar sowohl aus Sicht einer Verbandsleitung als auch aus Sicht eines aktiven New Professionals. Wir hatten uns im Vorfeld mit dem BIB auf einen Verband festgelegt. Da es sich lediglich um Impulsreferate handelte, hätten Berichte aus mehreren Verbänden den zeitlichen Rahmen der Veranstaltung gesprengt. Darüber hinaus sind die vorgestellten Herausforderungen in der Nachwuchsarbeit derzeit sicherlich auf jeden anderen Bibliotheksverband übertragbar.

Kirsten Marschall & Sabine Stummeyer

Kirsten Marschall & Sabine Stummeyer (BIB-Bundesvorstand)

Zunächst gaben Kirsten Marschall (Vorsitzende BIB-Bundesvorstand) und Sabine Stummeyer (BIB-Bundesvorstand) einen allgemeinen Überblick über die Verbandsstruktur des BIB und zeigten Möglichkeiten der Mitarbeit auf. Dabei standen nicht die Werbung für den Verband im Vordergrund, sondern eher kritische Anmerkungen zu Bereichen, die nicht optimal laufen, so zum Beispiel das begrenzte Zeitbudget der Hauptamtlichen oder der “langweilige” bürokratische Rahmen, der in einem Verband zwar (noch) nicht wegzudenken ist, aber die freie Mitarbeit erschweren kann.

Eric Retzlaff

Eric Retzlaff (BIB Landesgruppe Baden-Württemberg)

Danach berichtete Eric Retzlaff von seinen Erfahrungen in der BIB Landesgruppe Baden-Württemberg. Dabei gab er Einblicke in seine ursprüngliche Motivation, dort mitzumachen, und erzählte über die Vorteile, welche das Engagement mit sich bringt. Nach vier Jahren der Mitarbeit sind das für ihn vor allem viele nützliche Kontakte in die Berufswelt und praktische Erfahrung in der Gremienarbeit.

World Café

Im Hauptteil der Session waren nun die Teilnehmer gefragt. Aufgeteilt in drei Gruppen, beschäftigten sie sich mit der Fragestellung “Wie stellt Ihr Euch aktive Verbandsarbeit vor?”. Dabei näherte sich jede Gruppe der Frage über eine andere Herangehensweise:

ideal (Wunschvorstellung, reeller Rahmen)
negativ (wie es auf keinen Fall sein sollte)
ohne Limit (unbegrenzte Möglichkeiten)

Ziel war es, die Fragestellung nicht nur konventionell (=Idealvorstellung) zu betrachten, sondern durch verschiedene Blickwinkel die Teilnehmer zu einem frischen Denken anzuregen und ein umfassenderes Bild des Gegenstands zu erzeugen. Nach Art eines World Cafés wechselten die Teilnehmer jeweils nach einer festgelegten Zeit das Flipchart und damit die Herangehensweise und diskutierten auf dem Stand der vorhergehenden Gruppe weiter. Die Weitergabe des schon Erarbeiteten erfolgte durch eine Person, die nicht wechselte. Im Folgenden seht ihr die Ergebnisse der Gruppenarbeit, angefangen mit dem dritten Ansatz.

Brainstorming “no limits”

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brainstorming no limits 1

brainstorming no limits 1

brainstorming no limits 2

brainstorming no limits 2

Brainstorming “ideal”

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brainstorming ideal

brainstorming ideal

Brainstorming “negativ”

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brainstorming negativ

brainstorming negativ

Wie oben und auch in den Rohdaten zu sehen ist, setzten die Gruppen einige Schwerpunkte bei ihren Ergebnissen: Beim Negativ-Brainstorming wurden keine bzw. eine schlechte Kommunikation und das Fehlen von Freiwilligen als besonders gravierend herausgehoben. Im Umkehrschluss stellte auch die “ideal”-Gruppe eine funktionierende Kommunikation als besonders wichtig heraus. Diese sollte außerdem parallel über verschiedene Kanäle laufen, durch Aufgeschlossenheit gekennzeichnet sein sowie “Generationen” und Sparten übergreifend stattfinden. Als weiterer wichtiger Punkt wurde ein Mentorenprogramm angesprochen, welches neue Aktive unterstützen und im Idealfall “alt” & “jung” voneinander lernen lassen sollte. Zum von den BIB-Vertretern erwähnten Mentorenprogramm, welches vor einigen Jahren vom Verband angeboten, jedoch kaum wahrgenommen wurde, merkten die Teilnehmer der Session kritisch an, dass sie selbst als persönliche Mitglieder davon nichts mitbekommen hätten, insofern eine deutlich bessere Sichtbarkeit und Kommunikation wünschenswert gewesen wären.

Auch der Kontakt der Verbände mit den Ausbildungseinrichtungen sollte nach Meinung der “ideal”-Gruppe intensiviert werden. Als vergleichendes Beispiel wurde aus dem Plenum die Einbeziehung von Konferenzen in das Studium genannt, deren Besuch mittlerweile in vielen Studiengängen im Rahmen von Exkursionen oder Projektseminaren integriert ist:  Wenn analog dazu Studierende frühzeitig an Verbände und Verbandsarbeit herangeführt würden, könnte sich dieses Themenfeld ebenfalls als selbstverständlicher Bestandteil ihres studentischen Daseins etablieren. In der “no limits”-Gruppe zielten viele Punkte auf bessere Bedingungen für die Mitarbeit in Verbänden ab. Während einerseits Arbeitgeber die Arbeit der Verbände besser anerkennen und die Mitarbeit in diesen entsprechend fördern sollten, wäre zusätzlich auch eine gesetzliche Grundlage wünschenswert, welche die Freistellung und Bezahlung für Verbandsarbeit und somit auch eine professionelle (hauptamtliche) Struktur ermöglicht. Die Verbände wiederum sollten nach Meinung der “no limits”- sowie der “ideal”-Gruppe aufgeschlossener für eine flexible und temporäre Mitarbeit von Mitgliedern und Nicht-Mitgliedern sein und damit ein besseres Verhältnis zwischen der Verbindlichkeit eines Ehrenamtes und den Kapazitäten einzelner Personen erreichen.

Anknüpfungspunkte

Wir freuen uns über die vielen Anregungen, die sich aus dem World Café ergeben haben. Obwohl die Ergebnisse einer solchen Session natürlich nur eine Momentaufnahme darstellen und von einem überschaubaren Kreis von Personen erarbeitet wurden, stecken in ihnen sicherlich viel Potenzial und Anknüpfungspunkte für die Arbeit der Verbände. Es ist jedoch wichtig, an dieser Stelle weiterzudiskutieren, daher lasst uns bitte auch wissen: Was haltet ihr von den Ergebnissen? Könnt ihr genannte Punkte und Einschätzungen teilen? Was sind eure Erfahrungen mit Verbandsarbeit? Wie stellt ihr euch – gerne auch ideal, negativ und ohne Limit gedacht – aktive Verbandsarbeit vor?

Kurze Zeit später fand beim BibCamp in Nürnberg eine thematisch ergänzende Session zur Zukunft der Bibliotheksverbände mit Schwerpunkt BIB statt, die hier auch erwähnt werden soll. Denn im Laufe der lebhaften Diskussion wurden viele Punkte genannt, die auch in den Ergebnissen unserer Gruppenarbeit auftauchen. So wurde zwar die ehrenamtliche Arbeit des BIB-Bundesvorstands und anderer Aktiver begrüßt, doch kam auch die Frage nach einer stärkeren Professionalisierung auf, um die Reaktionsschnelligkeit der Verbände auf tagespolitische Ereignisse zu verbessern. In Bezug auf die Mitarbeit von Seiten der Mitglieder wünschte man sich mehr Möglichkeiten zur projektbezogenen freien Mitarbeit analog zu eigenen Interessen und Kenntnissen anstelle eines festen, starren und jahrelangen Amtes. Darüber hinaus fehlte es den Verbänden in der Regel noch zu sehr an Transparenz der Strukturen und laufbahnübergreifendem Denken. Als Fazit sah man vor allem in der Verzahnung von Verbandsarbeit und Social Networks eine Chance für die bibliothekarischen Verbände eine Veränderung in der Kommunikationskultur zu erreichen. Wenn die Verbände aktiver und sichtbarer Teil des Netzwerks und damit vor allem auch informeller Kanäle werden, erhöht das nicht nur die Transparenz ihrer Arbeit, sondern führt sicherlich auch bei den Mitgliedern zu mehr Enthusiasmus. Auch in der anderen Richtung hätte dies positive Auswirkungen, da wichtige thematische Anstöße aus dem Social Web unkompliziert in die Verbandsarbeit getragen und dort in einer stukturierteren und mit personellen wie finanziellen Ressourcen ausgestatteten Umgebung weiterverfolgt werden könnten.

Nicht nur in Deutschland stehen bibliothekarische Verbände derzeit vor einem Umbruch, auch international sehen sie sich zunehmend damit konfrontiert, wie sie Mitglieder halten und neu gewinnen und wie “Mitgliedschaft” und “Mitarbeit” in Zukunft aussehen sollen. Dies schlägt sich häufig in Fragen der Nachwuchsarbeit nieder. Wie auch weiter oben schon angeklungen, ist hier vor allem ein neues Selbstverständnis der Verbände nötig, um eine Veränderung der Wahrnehmung und Akzeptanz  zu erreichen. Es ist vor diesem Hintergrund ermutigend zu sehen, dass die deutschen Verbände stark an Feedback des bibliothekarischen Nachwuchses interessiert sind. Neben den genannten Vertretern des BIB nahmen in diesem Jahr auch der gerade scheidende BIB-Geschäftsführer Michael Reisser und Bernhard Tempel, der Vorsitzende der Kommission für berufliche Qualifikation des VDB, aktiv am Forum der New Professionals teil. Kritik und Ideen von (Nicht-)Mitgliedern sind hierbei umso wichtiger, als es hier um Organisationen geht, welche von ihren Mitgliedern getragen werden. So gesehen entpuppt sich eine aktive Verbandsarbeit für New Professionals nicht nur als Chance, zu Beginn der Karriere wichtige Kontakte zu knüpfen und das eigene Netzwerk auszubauen, sondern auch die Verbände in Bereichen der Kommunikationskultur und des Selbstverständnisses mitzugestalten und im besten Fall weiterzuentwickeln.

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© Esther Chen, Melanie Surkau, Sebastian Wilke

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