Bibliothekartag 2009: Persönlicher Rückblick

Vor genau einer Woche war der Bibliothekartag 2009 in Erfurts Messehallen noch in vollem Gange. Zeit für einen Rückblick mit ein paar persönlichen Eindrücken… Welche Sessions haben mir besonders gut gefallen? Was gibt es zu Kongressgebäude und Räumlichkeiten zu sagen? Welche Highlights erwarteten einen sonst noch in Erfurt?

Kongressgebäude / Räumlichkeiten / Firmenausstellung

Das Messegelände in Erfurt war gut zu erreichen und wirkte von seinem Äußeren und der technischen Ausstattung her insgesamt relativ neu.

Messe Erfurt

Messe Erfurt

Ein Großteil des Bibliothekartages spielte sich in zwei der großen Messehallen ab. Während fast die komplette Halle 2 für die Firmenausstellung genutzt wurde (plus zwei kleinere Vortragsräume)…

Halle 2 - hauptsächlich Firmenausstellung

Halle 2 - hauptsächlich Firmenausstellung

…hatte man in Halle 3 sehr viel Raum gelassen – dort waren drei größere Vortragsräume und ein Bereich mit ca. 30 Laptops mit kostenlosem Internetzugang für alle Teilnehmer des BibTages untergebracht worden.

Halle 3 - WLAN, Vortragsräume und viel Raum

Halle 3 - Internetbereich, Vortragsräume und viel Raum

Der Übergang zwischen den beiden Hallen war mit einem kleinen Park vor der Tür und vielen Sitzgelegenheiten immer wieder für eine kurze Verschnaufpause gut.

Übergang zwischen den Hallen mit Park vor der Tür

Übergang zwischen den Hallen mit Park vor der Tür

Die ungewöhnliche Raumverteilung zwischen den beiden Hallen wirkte zwar anfangs etwas komisch (man hätte den vielen Freiraum in Halle 3 bestimmt noch für irgendwas nutzen können), doch man gewöhnte sich relativ schnell daran. Wenig gebracht hätte es beispielsweise, die Firmenausstellung auf beide Hallen auszuweiten: Zu leer hätten dann wahrscheinlich beide Hallen gewirkt. Im Vergleich zu den letzten beiden Jahren, in denen die Ausstellungen an keinem zentralen Ort und sehr viel mehr zwischen den Vortragsräumen platziert worden waren, erinnerte der Aufbau in diesem Jahr eher an große Veranstaltungen wie die Frankfurter Buchmesse. Dadurch entfiel zwar ein bisschen der “Kuschelfaktor” der letzten Jahre,  doch die Aussteller wussten wenigstens, was sie Standbau-technisch zu erwarten hatten. Mir gefiel es dieses Mal eindeutig besser, weil die Firmen nicht so vertreut wie in Mannheim waren.

größter Saal, Halle 3

größter Saal, Halle 3

Noch zwei kritische Anmerkungen: Leider war die Auswahl der Räume für einzelne Sessions manchmal nicht gut getroffen wie auf diesem Foto, wo ca. 40 Leute – in dem riesigen Saal in Halle 3 sitzend – nach fast nichts aussahen, oder in anderen Fällen, in denen sich Leute bei geöffneter Tür mit dem Stuhl vor den Raum setzen mussten, weil drinnen bereits alle Sitz- und Stehplätze belegt waren.

Natürlich kostet WLAN-Zugang bei Messen und Konferenzen den Veranstalter bzw. die Aussteller immer einen Haufen Geld. Andererseits wäre es beim Bibliothekartag durchaus wünschenswert, dass alle Teilnehmer kostenlos aufs WLAN zugreifen könnten. Wäre meiner Meinung nach in Zeiten von Sofortberichterstattung via Twitter und Co gerade in unserem Bereich angebrachter als zwischendurch bei den Internet-Laptops in Halle 3 Schlange zu stehen oder bei einigen Ausstellern kurz online zu gehen.

Interessante Vorträge

Weg vom Äußeren und hin zum Inhalt… Was die Sessions angeht, gab es in diesem Jahr eine unglaublich große Auswahl an Themen. Man musste sich angesichts der Themenvielfalt wirklich gut überlegen, welche Vorträge man sich anhört. Ich konnte aus den Veranstaltungen einiges mitnehmen.

“100 Tage – 100 Menschen – 100 Ideen”

So zum Beispiel aus dem Block Bibliotheken für Kommunen auf neuen Wegen, in dem u. a. Dirk Wissen über die Lobbying-Offensive “100 Tage – 100 Menschen – 100 Ideen” berichtete. Wissen, seit August 2008 Direktor der Stadt- und Regionalbibliothek Frankfurt (Oder), lud innerhalb der ersten 100 Tage seiner Amtszeit 100 Persönlichkeiten aus Frankfurt zu einem Espresso und einem Kennenlerngespräch in die Bibliothek ein. Dadurch frischte er nicht nur alte Partnerschaften der Bibliothek auf, sondern knüpfte vor allem viele neue Kontakte zu Personen und Institutionen aus Kultur, Bildung, Wirtschaft und Politik. Diese wurden im Rahmen von verschiendensten Kooperationen sinnvoll umgesetzt. Die Aktion brachte darüber hinaus eine erhöhte Aufmerksamkeit bei den Medien der Stadt ein und ermöglichte es der Bibliothek, sich öffentlich neu zu positionieren. Nebenbei kann die Stadt- und Regionalbibliothek Frankfurt (Oder) mittwerweile von sich behaupten, die erste Bibliothek Deutschlands mit einer eigenen regelmäßigen Fernsehsendung zu sein: Das Veranstaltungsformat Wissen trifft… das Kulturgespräch an der Oder wird vom Regionalsender WMZ-TV übertragen. Wenn das mal nichts ist.😉 (Näheres zu der Aktion könnt ihr übrigens hier lesen.)

Floating Collections

Im Anschluss an die Präsentation von Dirk Wissen ging es nach Vancouver. Thomas Quingley von der Vancouver Public Library stellte das Konzept der Floating Collections vor, das dort seit einigen Jahren erfolgreich im Einsatz ist (weitere ppt hier zu finden). Der Kerngedanke dabei: Werden Bücher bei einer Zweigstelle ausgeliehen und bei einer anderen zurückgegeben, bleiben sie dort und kehren nicht zu ihrer ursprünglichen Bibliothek zurück, es sei denn, sie werden wieder ausgeliehen und woanders abgegeben bzw. in einer anderen Filiale bestellt.

Vancouver Public Library - Floating Collections

Vancouver Public Library - mit Floating Collections

Damit das System funktioniert, gibt es einige Einschränkungen und unterstützende Maßnahmen. Die Floating Collections erstrecken sich zum einen nur auf bestimmte Bestände wie Romane und Jugendbücher, audiovisuelle Medien und Großdruckbücher. Um einer ungleichmäßigen Verteilung der Bestände vorzubeugen (nicht, dass am Ende alles in einer Filiale landet und alles andere ausdünnt), wurde ein Blog eingerichtet, in dem über Kategorien wie ‘material available’ und ‘material wanted’ aktiv vom Bibliothekspersonal aus Bestände verteilt werden können. Medien werden übrigens zentral eingekauft, so dass Neid und Konkurrenzdenken zwischen den Bibliotheken weitestgehend ausbleiben. Die Vorteile der Floating Collections im Vergleich zum konventionellen Leihverkehr liegen auf der Hand: Da man Medien nicht mehr an ihren Ausgangsort zurückbringen muss, können Transportkosten eingespart werden. Gleichzeitig werden die Medien durch das Fehlen des Rücktransports auf Dauer (etwas) weniger beansprucht. Aus Nutzersicht hält die regelmäßige Umschichtung der Bestände die Auswahl interessant, weil immer ein bisschen anders. Auf der anderen Seite haben die Nutzer die Möglichkeit, Teile des Bestandes dort zu haben, wo sie es wollen. Ein reizvolles Modell, über das man hierzulande vielleicht mal nachdenken sollte (ich hörte allerdings nach dem Vortrag von jemandem, dass es ähnliche Ansätze wohl auch schon irgendwo in Deutschland geben soll).

Die virtuelle Zweigstelle

Bibliotheken können sich heutzutage nicht darauf ausruhen, virtuell nur über eine eigene Webseite sichtbar zu sein. Sie sollten unbedingt aktiv werden und dorthin gehen, wo sich vor allem die digital natives aufhalten – in sozialen Netzwerke wie Facebook und Youtube oder anderen Web2.0-Diensten wie z. B. Twitter. Gleich eine ganze Reihe sehr guter Vorträge (zum Beispiel von Anne und Fabienne) beschäftigte sich in Erfurt mit diesem Thema und gab dabei massig Best Practises mit auf den Weg, auf die es in diesem Zusammenhang denke ich besonders ankommt.

Neu war dabei für mich der Gedanke, mit der Bibliothek auch ins Studi-/SchülerVZ zu gehen. Eigentlich sehr naheliegend, wenn man mal an Entsprechendes bei Facebook denkt, aber trotzdem noch eine komische Vorstellung. Facebook kommt als Netzwerk- und Marketingwerkzeug mit sehr vielen Möglichkeiten einfach seriöser und professioneller rüber als sein deutsches Pendant. Sicherlich lässt sich auch darüber streiten, ob das Studi-/SchülerVZ mit seinem eingeschränkten Nutzerkreis “Studierende/Schüler” überhaupt auf eine solch professionelle Werbung ausgelegt ist (mal ganz abgesehen von den ganzen Werbeanzeigen, die inzwischen dort geschaltet werden). Aber warum sollte man es nicht auch dort versuchen, zum Beispiel über Fanseiten, wie sie Fabienne in ihrem Vortrag bei der Stadtbibliothek Frankfurt zeigt.

Ein Paradebeispiel für den Einsatz von social media ist auch die South Carolina State Library, aus der Curtis Rogers als Director of Communications nach Erfurt gereist war (hier sein Skript). Die Bibliothek führt nicht nur ein Blog und betreibt einen Podcast, sondern ist darüber hinaus bei Facebook, YouTube, myspace, Twitter und LibraryThing aktiv.

South Carolina State Library bei Facebook

South Carolina State Library bei Facebook

Einen ganz wesentlichen Vorteil haben diese ganzen virtuellen Zweigstellen im Übrigen auch: Falls die offizielle Webseite mal nicht erreichbar sein sollte, wie gerade der Fall, kommt man wenigstens über sie an Informationen über die Bibliothek.😉

Highlight: Zukunftswerkstatt

Das absolute Highlight war in diesem Jahr für mich die Zukunftswerkstatt. Alleine die Vortragsreihe hätte eigentlich ausgereicht, um den ganzen Tag am Stand beschäftigt zu sein – was auch sehr viele Besucher nutzten, wie man an dem Foto erkennen kann…

Zukunftswerkstatt - immer viel los am Stand

Zukunftswerkstatt - immer viel los am Stand

Zu den Vorträgen findet ihr hier die slides und bald die kompletten Mitschnitte auf Youtube – eigentlich ein Service, an den man sich ohne Weiteres gewöhnen könnte. ^^ Ich freue wirklich sehr, dass ich die Möglichkeit hatte, dort auch ein bisschen was über meine Praktika zu erzählen…

Daneben herrschte am Stand einfach eine sehr lockere Atmospäre, in der man sich gerne aufhielt, um sich an Wii, Xbox 360 oder PS3 auszuprobieren, sich einen Überblick über verschiedene ebook-Reader zu verschaffen (mein Favourit: Kindle 2), live aus Erfurt zu twittern oder mit vielen interessanten Leuten ins Gespräch zu kommen, die man unter Garantie dort antraf (siehe dazu auch die Videostatements).

Gratulation an Julia, Christoph und Jin zu dem, was ihr da auf die Beine gestellt habt!

Fazit, kurz und knapp

Der Bibliothekartag 2009 war für mich eine sehr runde Sache. Ich hatte von allem etwas: Vorträge, Firmenausstellung, Newcomer-Treff, alte und neue Kontakte, social events und sogar noch ein bisschen Urlaub hinterher. Interessant dabei übrigens, wie viele Gesichter man nach drei Jahren doch schon kennt. Das trägt natürlich ebenfalls ein bisschen zur Wohlfühlatmosphäre bei. Abseits vom Tagungsort hatte Erfurt auch als Stadt ein tolles Flair zu bieten mit seinem wunderschön erhaltenen historischen Stadtkern, Dom und Zitadelle, diversen Eiscafés und gutem Essen.

Erufrt bei Nacht

Erufrt bei Nacht

Im nächsten Jahr ruft nach zweijähriger Pause der Bibliothekskongress zum vierten Mal nach Leipzig. Mal sehen, ob daraus wieder ein “Kuschelkongress” wird, was die Räumlichkeiten angeht, welche Themen einem dann schwerpunktmäßig begegnen werden und was sich Julia, Christoph und Jin bis dahin Neues, Spannendes einfallen lassen.😉

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