“In the Library” – Zu Besuch beim Anti-Parfumeur aus Brooklyn

 

Wenn man den Brooklyner Stadtteil Williamsburg über die Subwaystation Bedford Avenue betritt, so wie wir das am vorvergangenen Wochenende gemacht haben, bietet sich einem erstmal ein sehr angenehmes Bild… Kleinstadtatmosphäre, viele junge Leute, Kneipen und Lokale – alles in allem ziemlich gemütlich…

Kleinstadtatmosphäre
Kleinstadtatmosphäre

Keine drei Blöcke Richtung Eastriver weiter ändert sich das Bild jedoch schlagartig. Durch immer heruntergekommenere Straßenzüge laufend, landet man schließlich in einer fast ausgestorbenen, durch Graffities und verlassene Industriegebäude dominierten und dadurch eher rau wirkenden Gegend.

bla

raue...

bla

...Gegend

Umso erstaunlicher, dass sich an einem solchen Ort der Parfumeur Christopher Brosius in einem kleinem Geschäft niedergelassen hat. Ben hatte schon einmal über dessen Duft „In the Library“ berichtet, daher konnte ich mir einen Besuch natürlich nicht nehmen lassen. ^^

cb store

cb store

Für Brosius stehen beim Kreieren seiner Parfums individuelle Erfahrungen im Vordergrund. Nichts ist ihm mehr zuwider, als ein nichtssagender, austauschbarer Duft. Diese Einstellung kulminiert im Motto und gleichzeitigen Label „CB I hate perfume“. Angenehmerweise schwingt dabei immer ein leicht ironischer Ton mit, was sich zum Beispiel im CB Manifesto und einigen Details der Webseite niederschlägt.

Vor diesem Hintergrund ist es auch nicht weiter verwunderlich, warum man im Laden auf einmal vor einem Parfum mit dem Titel „Winter 1972“ oder „At the Beach 1966“ steht. Fast jeder Duft ist auf eine bestimmte Episode oder Anekdote aus Brosius’ Leben zurückzuführen. Das Beste dabei: Jeder Duft riecht wirklich nach dem, was auf dem Fläschchen draufsteht. So schnüffelt man sich dann fasziniert durch das gesamte Sortiment. Ein paar Beispiele gefällig?

Wild Hunt – riecht nach Wald, am stärksten kommt ein intensiver Pilzgeruch durch.

Fire from Heaven – smokey! Hat mich sehr an den Geruch von Kunstnebel erinnert, der häufig bei Musicals und anderen Shows zum Einsatz kommt.

Gingerbread – Ingwerbrot, täuschend echt… (gibt es bislang nur im Laden)

Jetzt aber mal zu dem Grund meines Besuches… In the Library. Wonach riecht eine Bibliothek eigentlich? Für Christopher Brosius kommen da nicht heißgelaufene Festplatten oder der Geruch einer Selbstverbuchungsanlage infrage, sondern naheliegenderweise eher traditionelle Assoziationen. Er beschreibt den Duft folgendermaßen:

English Novel taken from a Signed First Edition of one of my very favorite novels, Russian & Moroccan leather bindings, worn cloth and a hint of wood polish.

Das Parfum riecht eher süßlich und tatsächlich nach einer Mischung aus Leder, Holz und „da hat sich schon mal jemand aufgehalten“. Ich denke dabei an ein leicht verrauchtes Wohnzimmer mit viel dunklem Holz, schweren Teppichen auf dem Boden, vielleicht einem Kamin in der Ecke, auf jeden Fall mit vielen Büchern in dicken, zum Teil stärker gebrauchten Ledereinbänden… also einen Raum, in dem sich verschiedene Gerüche und Düfte mit der Zeit festgesetzt haben. Hat etwas Gemütliches an sich, der Geruch. Dass mit „In the Library“ die Bibliothek mal wieder ausschließlich im klischeeverhafteten Kontext „alte Bücher“ erscheint, finde ich in diesem Fall gar nicht schlimm. Christopher Brosius greift eben die Faszination „Haptik“ auf, die von Büchern besonders älteren Datums nun mal ausgeht und die sich, wie schon angedeutet, am besten für ein Parfum eignet. Und das setzt er richtig gut um.

Wem die ca. 30 Düfte noch nicht genug sind, dem bietet der Laden außerdem eine größere Auswahl aus über 200 Einzelgerüchen (accords) zum Probieren an, die bei den „Zusammengesetzten“ zur Anwendung kommen. Die gibt es übrigens auch zu kaufen – falls man seinen eigenen Duft noch individueller gestalten oder einfach das pure Erlebnis genießen möchte. Dabei scheinen wirklich keine Grenzen gesetzt… es seien nur „verbranntes Holz“, „Schmutz“ und „gekochter Reis“ als Beispiele genannt.😉

Neben „In the Library“ habe ich mir übrigens noch „Burning Leaves“ und das oben erwähnte „At the Beach 1966“ mitgenommen. Ersteres riecht nach verbranntem Laub (es sollen wohl Ahornblätter sein), Letzteres versetzt einen ziemlich überzeugend ans Meer – inklusive Wasser, Sand und Sonnenmilch auf der Haut.

I hate perfume

I hate perfume

Jedem, der mal nach New York kommt, kann ich nur empfehlen, im Geschäft von Christopher Brosius auf ein kleines Geruchsabenteuer vorbeizuschauen. Es lohnt sich, nicht nur für Bibliothekare… ^^

3 thoughts on ““In the Library” – Zu Besuch beim Anti-Parfumeur aus Brooklyn

  1. Ben

    „At the Beach 1966“ ist in der Tat eine sehr gute und interessante Wahl. Für alle Düfte Christopher Brosius’ gilt aber, dass man sie, wenn man sie denn tragen möchte, doch sehr dezent anwenden sollte. Unter Umständen zeigt sich sonst die Begleitung etwas irritiert…

    Reply
  2. Pingback: Smells like Bookspirit: Sebastian Wilke erschnuppert “In the library”. « LIBREAS.library ideas

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