Singer’s Journal – Von Metadaten und Sourkrout

Jetzt sind die ersten beiden Praktikumswochen schon zuende und ich habe immer noch nichts von meiner Hauptaufgabe dort erzählt – das will ich hiermit nachholen… Die NYPL for the Performing Arts verfügt über eine riesige und wirklich sehr interessante Kollektion. Neben Noten, Tonträgern und Musikliteratur finden sich darunter zum Beispiel auch Briefe und Nachlässe berühmter und  weniger bekannter Persönlichkeiten, Programmhefte von New Yorker und internationalen Kulturinstitutionen, eine ganze Reihe sogenannter clippings (gesammelte Zeitungsartikel u.a.) zu allen möglichen Personen und Themenbereichen, Auktions- und Antiquarskataloge, Musikhochschulvorlesungsverzeichnisse usw. Leider sind viele dieser Bestände noch nicht recherchierbar. Jetzt könnte sich ein Praktikant natürlich einfach daran machen, Teile davon in den OPAC einzuarbeiten. Jedoch ist dies gerade nicht möglich, da die beiden OPACs LEO und NYPCAT momentan auf ihre Zusammenführung im Juni vorbereitet werden und damit „Liefersperre“ für neue Katalogeinträge herrscht. Damit auf dem Gebiet trotzdem etwas passiert und man nicht bei Null anfangen muss, wenn es soweit ist, habe ich nun die Aufgabe, Word/Excel-Listen mit den „Metadaten“ einiger dieser Bestände zu erstellen. Was im ersten Moment vielleicht ein bisschen unspannend klingt (gut, es ist manchmal auch ein bisschen monoton), ist aufgrund des Inhalts der Materialien aber meistens ziemlich interessant, denn man lernt einiges über das, was man dort vor der Nase hat. Daher… darf ich vorstellen:

Singer's Journal, gebunden

Singer's Journal, gebunden

Hier sehr ihr, gebündelt, alle 60 erschienenen Ausgaben des Singer’s Journal, welches von Henry de Marsan zwischen 1870 und 1871 in New York verlegt worden ist. Der vollständige Titel lautet „Henry de Marsan’s new comic and sentimental Singer’s Journal: Containing all the most popular Songs of the day.”

Titelblatt

Titelblatt

In der ersten Ausgabe heißt es außerdem erläuternd dazu:

“EACH NUMBER will contain about FIFTY of the Newest and most Popular Songs sung in the Concert-Rooms, Theatres and Opera-Houses of the United-States and Great-Britain.”

Beim Singer’s Journal stehen ganz klar die Liedtexte im Vordergrund. – Interessant, dass Noten so gut wie gar keine Rolle spielen, die Melodien scheinbar allgemein bekannt waren. – Jede Ausgabe listet auf dem Titelblatt alle 50 enthaltenen Liedtexte auf. Wo bei den ersten Heften noch eine rein dekorative Abbildung zu sehen ist, geht man später dazu über, gezielt bestimmte Textpassagen aufzugreifen und mit einem entsprechenden Bild zu illustrieren.

Illustrationen

Illustrationen

Allein anhand der Titel der Lieder lässt sich schon einiges bzgl. des sozialen Backgrounds und des Gesellschaftsbildes zu jener Zeit ablesen, wenn es zum Beispiel um Berufsgruppen („The charming cheesemonger“, „Handsome Dick, the muffin-man“), Pathos („Where liberty dwells, there is my country“, „Dear mother, I’ve come home to die“) oder Rassismus („Ten little Injuns“) geht. Beliebt sind auch Bezugnahmen („I would not die in spring“, eine halbe Seite später „I would not die in winter”) und Parodien über andere Songs, z. B. “Don’t you tell my wife, Dobdin (a parody on: Won’t you tell me why, Robin?)” oder “Bourbon on the Brain (a parody on: Just before the battle, mother)”. Zwischendurch finden immer wieder kleine Texte Eingang in die Zeitschrift, entweder Witze, Briefe und Reden parodistischer Art oder auch Sprüche, die meistens auf das damalige Bild (und damit die sehr unterschiedliche soziale Stellung) von Mann und Frau abzielen:

“It is no misfortune for a nice young lady to lose her good name, if a nice young gentleman gives her a better.”

“If time is money, most people have a great deal more money than they know what to do with.”

“Women talk – men act. Women dream – men think. Women sit around hesitatingly – men go and do promptly. Women guess – men decide. Women are going to see about it by and by – men face the thing on the instant. Women passively accept – men boldly (and often to their sorrow) propose.”

Auch sprachlich geben die Texte einiges her. Ich musste mich zum Beispiel erstmal an ein gewisses Vokabular gewöhnen, vor allem, was alte bzw. poetische Wortformen angeht („Fare thee well!“, thou, thine, ´twas, thy, gal, …). Am unterhaltsamsten waren allerdings Texte mit einem starken Akzent, aus denen ganz klar die mit einem deutschen herausstechen… ^^

Sourkrout and Sausages

Sourkrout and Sausages

Snyder, don't you vant to puy a Pig? (Anfang)

Snyder, don't you vant to puy a Pig? (Anfang)

Schließlich gibt es sogar doch noch ein bisschen Musik, da sich die Herausgeber irgendwann dazu entschließen, jede Ausgabe mit der abgedruckten Klavierbegleitung für eines der enthaltenen Lieder abzuschließen.

Musik auf der letzten Seite

Musik auf der letzten Seite

Ihr seht also: Beim Abtippen von Songtiteln (das war die Aufgabe beim Singer’s Journal) gibt es echt eine Menge mitzunehmen – zum Glück.😉 Inzwischen sitze ich an den Auktions- und Verkaufskatalogen des berühmten Antiquariats von Leo Leipmannssohn. Neben dieser Hauptaufgabe komme ich ganz gut im Haus rum. Bob zeigt mir regelmäßig interessante Bestände, führt mich durch die Abteilungen der Bibliothek und nimmt mich zu Besprechungen mit. Außerdem versuche ich regelmäßig am Reference Desk zu sitzen und was von der Arbeit mit den Nutzern mitzubekommen. Zu alldem aber später mehr…

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